Salmonellen, Noroviren, Glassplitter: Werden unsere Lebensmittel immer schlechter?

 

 

 

 

 

 

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Salmonellen bei Heidegold-Eiern, Coli-Bakterien beim Netto-Käse: Rückruf-Aktionen bei Nahrungsmitteln sind 2016 im Vergleich zum Vorjahr um knapp 50 Prozent gestiegen. Woran liegt das? FOCUS Online fragt bei Verbraucherzentralen nach und sagt, wie Sie vorbeugen können.

  • Von 2015 auf 2016 stieg die Zahl der Lebensmittelrückrufe um knapp 50 Prozent.
  • Die häufigste Ursache sind mikrobiologische Verunreinigungen.
  • Das könnte an der zunehmenden Verarbeitung von Lebensmitteln liegen.

Es vergeht kaum eine Woche ohne neuen Lebensmittelskandal: Alleine im März sind neun neue Hinweise beim Bundesamtfür Verbraucherschutzund Lebensmittelsicherheit (BVL) eingegangen. Zuletzt betrafen die Meldungen eine Sesam-Krokant-Creme des Herstellers Schock – darin fanden sich Salmonellen. Kurz davor rief Netto einen Käse zurück, der Kolibakterien enthielt. Wenige Tage früher warnte das Internetportal vor Eiern. Kontrolleure fanden Salmonellen auf deren Schalen.

2016 riefen die Hersteller 65 Produkte mehr zurück

Seit Ende 2011 veröffentlicht das BVL gemeinsam mit den für Lebensmittelsicherheit zuständigen Ministerien der Bundesländer Meldungen zu Produktfehlern auf dem Internetportal lebensmittelwarnung.de.

Die Anzahl der Warnungen stieg seit 2011 stetig: Im Jahr 2012 landeten insgesamt 83 Hinweise beim BVL, 2016 waren es schon 148. Die Meldungen verunsichern die Verbraucher, die sich fragen: Werden unsere Lebensmittel schlechter?

Hauptursache für Rückrufe: Mikrobiologische Verunreinigungen

So einfach ist das nicht zu beantworten. Christiane Manthey von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg schätzt aber, dass das Problem auch mit dem zunehmenden Handel verarbeiteten Essens zusammenhängt: „Eines der Hauptprobleme sind Fremdkörper, die bei der Produktion in die Lebensmittel gelangen.“ So hätten Kontrolleure bereits mehrfach Glas- oder Metallsplitter in verarbeiteter Nahrung gefunden. Auchmikrobiologische Verunreinigungen, zum Beispiel mit Bakterien, seien häufig.

Die Statistik des BVL (Stand: 28.03.2017) bestätigt das. Aus den folgenden Gründen riefen Hersteller seit 2011 Produkte zurück:

Mikrobiologische Verunreinigung 38 Prozent
Fremdkörper 27 Prozent
Kennzeichungsmängel 9 Prozent
Grenzwertüberschreitung 7 Prozent
unzulässiger Inhaltsstoff 5 Prozent
erhöhter Dioxin-/ PCB-Gehalt 3 Prozent
Verpackungsfehler 1 Prozent
sonstige Gründe (z. B. Fehlreifung, Verwechslungsgefahr) 10 Prozent

 

Globalisierung und Angst vor Shitstorms lassen Rückrufzahlen steigen

Manthey schreibt außerdem der steigenden Globalisierung eine entscheidende Rolle zu: Der internationale Handel wachse, es gebe einen stärkeren Austausch unterschiedlicher Produkte. Dadurch gelangen auch Nahrungsmittel, die einer anderen Kontrolle unterliegen, auf den deutschen Markt. 

Peter Schütz, Pressesprecher des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz in Nordrhein-Westfalen, hat dagegen den Eindruck, dass die Macht des Internets eine wesentliche Rolle spielt: „Wenn ein Social Media affiner Mensch eine Erdbeermarmelade kauft, in der Glassplitter sind, und sich daran verletzt, könnte er einen Shitstorm gegen das Unternehmen auslösen.“ Das könne schlimmstenfalls zum Boykott des Herstellers führen. Da die Produzenten den Einfluss des Internets erkannt hätten, würden sie selbst versuchen, die Konsumenten zu informieren.  

Auf verarbeitete Lebensmittel verzichten, frische bevorzugen

Ähnlich äußert sich auch Monika Larch vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL): „Die Unternehmen werden immer sensibler für das Thema: Sicherheit und Transparenz gegenüber den Kunden ist ihnen sehr wichtig.“ Daher kommunizieren sie es, wenn bei den Kontrollen Fehler in den Produkten bemerkt werden.

Schützen können sich Verbraucher, indem sie verarbeitete Lebensmittel im Supermarkt-Regal liegen lassen. Verzichten Sie also auf die Tiefkühlpizza, Fischstäbchen oder Tütensuppe und greifen Sie stattdessen zufrischem Obst und Gemüse, Fleisch- und Fischwaren vom Händler Ihres Vertrauens. Da die Kontrollen internationaler Produkte von denen hierzulande abweichen können, sollten Konsumenten nationale oder - noch besser - regionale Lebensmittel bevorzugen. Ein weiterer Tipp ist, stets einen Blick auf die Warnungen des Portals lebensmittelwarnung.de zu werfen und sich über aktuelle Rückrufe zu informieren.

 

Fleisch, Milch und Getreide am häufigsten betroffen

Auch wenn die steigenden Rückrufzahlen alarmierend klingen, in Panik sollten wir uns von ihnen nicht versetzen lassen. Wenn man die gesamten 170.000 Nahrungsmittel, die sich aktuell auf dem deutschen Markt befinden, zugrunde legt, waren 2016 nur 0,09 Prozent der Produkte betroffen. 

Seit 2011 bezogen sich die Hinweise mit 17 Prozent am häufigsten auf Fleischwaren, gefolgt von Milch und Milchprodukten mit 14 Prozent. Mit drei Prozentpunkten weniger liegen Getreide und Backwaren auf Platz drei. Obst und Gemüse folgen mit acht, Fertiggerichte mit sieben Prozent.

Private und amtliche Kontrolle sollen fehlerhafte Ware entdecken

Derzeit überwachen sowohl die Produzenten als auch die amtliche Lebensmittelüberwachung der Bundesländer die Nahrungssmittel. Bemerken Hersteller oder externe Kontrolleure, dass bereits im Handel erhältliche Ware gesundheitliche Risiken bergen, dass sie ekelerregend oder geeignet sind, die Verbraucher zu täuschen, sind Kontrolleure und Hersteller verpflichtet zu handeln: Sie müssen das Produkt zurückrufen und den Verstoß an die Behörde melden.

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